Der 74. Verbandstag Hessischer Zimmermeister

Hand-Werk braucht qualifizierte Handwerker
74. Verbandstag nimmt neue Entwicklungen in den Fokus
von Diana Wetzestein

Hohenroda. Es sind die Herausforderungen, die im Holzbau immer wieder für Innovation und Weiterentwicklung sorgen. Beim 74. Verbandstag wurde von der Fehlerkultur, dem Umgang zwischen Handwerk und Denkmalschutzbehörden, digitalen und analogen Lösungen für den Holzbau gesprochen. 23 Aussteller präsentierten ihre Produkte und Neuheiten.

In diesem Jahr war es Obermeister Karsten Schmidt, für die Zimmer-Innung des Kreises Hersfeld-Rotenburg, der Mitte September den Verbandstag eröffnen durfte. Unter der Leitung von Holzbau Deutschland – Verband Hessischer Zimmermeister e. V. wurde an zwei Tagen in Vorträgen und Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen, mit Ausstellern und Referenten über die alltäglichen und bevorstehenden Themen diskutiert. 

Führung im Zimmereibetrieb erfolgreich gestalten
Mit einem aufschlussreichen Vortrag von Udo Herrmann startete das vielseitige Programm mit „Fehlerkultur leben – Führung im Zimmereibetrieb erfolgreich gestalten“. Herrmann, selbst Handwerksmeister, zudem Coach und Eigentümer eines Schreinereibetriebes, gab seine Kenntnisse über Dokumentation, KI-Anwendung und viele Tipps weiter, die einfach anwendbar sind und positive Auswirkungen haben. Der Buchautor Herrmann weiß, Führen muss gelernt sein. Wer in einem Fehler das Lerngeschenk mit Verbesserungsfortschritt sehe, der habe die positive Fehlerkultur verstanden. Ein bis drei Vollzeitstellen koste es beispielsweise einem Betrieb, wenn er keine Ordnung hielte. Seine Werkstatt mal aufzuräumen und ein sinnvolles Ordnungskonzept umzusetzen, dass Herrmann auch gleich vorstellte, sei eine einfache und kostensparende Lösung.

Handwerker und Denkmalpflege
Melanie Nüsch, Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege Propstei Johannesberg in Fulda und Julia Krug, Zimmerin und Architektin, streckten in ihrem Vortrag den Zimmerinnen und Zimmerern die Hand aus. „Die Gebäude brauchen Handwerk und qualifizierte Handwerker“, so Nüsch zu Beginn ihres Vortrages. Sie warb für die Weiterbildung der Restauratoren im Handwerk in Fulda oder am Bubiza in Kassel. Die Zuhörenden sollten zudem die Ansprechpersonen in den Unteren Denkmalbehörden öfter kontaktieren, die Handwerksbetriebe den Bauherren bei einer Antragstellung auf denkmalrechtliche Genehmigung einer Maßnahme bestmöglich helfen. „Erst einmal sollte sich der Handwerker darüber informieren, ob das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Auch, wenn das Gebäude in der Denkmalliste nicht aufgeführt ist, heißt das nicht, dass es keinen Schutzstatus hat. Wenn ein Kriterium zur Einordnung als Denkmal erfüllt ist, könnte der schon vorliegen“, so Nüsch. Die Dokumentation mit KI-Unterstützung könne sie sich gut vorstellen, das Handwerk sei damit aber nicht zu ersetzen. 

Sicherung an der Baustelle
In der Pause zeigte Zimmermeister Elmar Mette, Bundesbildungszentrum und Holzbau Deutschland – Verband Hessischer Zimmermeister, wie eine Sicherung mit persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) funktioniert, wenn Seitenschutz oder Auffangeinrichtungen nicht möglich oder sinnvoll sind. „Steht ein Kran mit Personensicherungsmodus (PSM oder FPM) zur Verfügung, kann die Sicherung auch daran erfolgen“, so Mette. Kranhersteller Klaas stellte einen entsprechenden Kran auf der Ausstellung zur Verfügung, damit wurde der Absturz eines 100 kg-Dummys gezeigt. Die Zuschauer konnten sich von der geringen Falltiefe bis zum Abbremsen durch das Höhensicherungsgerät (HSG) überzeugen. „Der Versuch zeigte, dass beim Anschlagen über Kopf die geringsten Kräfte auf eine abgestürzte Person wirken. Würde die PSAgA am Boden angeschlagen, wäre eine viel größere Falltiefe und daraus resultierend eine größere Fangstoßkraft die Folge“, so Mette.

In einem zweiten Versuch zeigte Elmar Mette als „lebendiger Dummy“, wie die Sicherung am Kran vor einem Abrutschen von einer Leiter schützen kann. „Wenn eine Person nach einem Sturz hilflos im Auffanggurt hängt, müssen die anderen Beschäftigten unverzüglich mit der Rettung beginnen, da sonst ein „Hängetrauma“ droht“, sagte er. Bei der Sicherung am Kran ist die Rettung ganz einfach: Der Kranführer lässt die gestürzte Person einfach zum Boden ab. Ein ungesicherter Sturz aus dieser Höhe hätte eine mehrwöchige Arbeitsunfähigkeit zur Folge haben können. Es bleibt zu wünschen, dass mehr Betriebe diese moderne Sicherungsmöglichkeit für sich und ihre Beschäftigten übernehmen.

Arbeitsplatz Dachlatte
„Dachlatten sind direkte linienförmige Unterlagen von Dachdeckungen. Sie sind im Sinne der Verhütung von Arbeitsunfällen ein geeigneter Standplatz bei Dacharbeiten für die Beschäftigten des ausführenden Bauhandwerks“, heißt es in der Verbändevereinbarung über Dachlatten mit CE-Kennzeichnung aus Nadelholz. Roland Glauner vom Zentralverband des Deutschen Baugewerbes, fasst das kurz zusammen: „Die Dachlatte ist ein Arbeitsplatz!“ Es gehe bei diesem Bauprodukt nicht nur um die Bemessung des Gebrauchszustandes, sondern um die Bemessung für den Zustand als Arbeitsplatz. Darum müsse unbedingt auf die CE-Kennzeichnung geachtet werden. 
Der erste Tag endete mit dem Zunftabend, der immer wieder für die Netzwerkpflege und Erfahrungsaustausch genutzt wird.

Am Samstag fand der 20. Kasseler Holzbaukongress on tour statt. Zimmermeister Axel Engelhardt fürhrte durch das Programm.

Stecksystem gegen große Toleranzen
Mit „Innovation im Holzbau – Vorstellung des STEXON-Systems“ startete der zweite Tag. Oscar Huthmann, STEXON, erläuterte, wie das STEXON-System die hohe Präzision aus der Planung auf die Baustelle bringt. Vor der eigentlichen Montage werden spezielle Anker auf die exakte Position aus der Arbeitsvorbereitung in der Massivkonstruktion gesetzt. Die STEXON-Verbinder rasten in den Schwellen in die Gewinde der Anker ein. Damit können große Toleranzen des Vorgewerks überwunden werden, die Zwischenräume zwischen Schwellen und Bodenplatte werden mit Quellmörtel gefüllt.

Gründach und Solarziegel
Gründächer mit einer Dachneigung von 60 Prozent? Frank Engelmann von Dachziegelwerke Nelskamp stellte im Vortrag „Solarziegelsysteme (Gebäudeintegrierte PV) und Gründach im Steildach“ das Nelskamp-System „Livingroof“ für Gründächer vor. Außerdem hatte er kleinformatige Eindeckungen mit integrierten Photovoltaik-Modulen im Info-Gepäck und am Aussteller-Stand. Das kleine Format ermöglicht eine bessere Anpassung an die Dachgeometrie mit Graten, Kehlen, Dachflächenfenstern und Schornsteinen, so Engelmann. 

Stolperfallen und Meldefristen
Sicherheit am Bau ist oberstes Gebot. „SOKA-BAU aktuell: Neue Entwicklungen und Stolperfallen für Zimmererbetriebe“, titelte der Vortrag von Michael Najman, SOKA-BAU Wiesbaden. Meldepflichten und die zugehörigen Fristen, Abgrenzung von Tätigkeiten, digitale Verfahren und aktuelle Praxisfragen speziell für Zimmererbetriebe, sprach er an und formulierte aus, was alle etwas angeht. 

Was kostet der gestörte Bauablauf
Im letzten Vortrag der Veranstaltung „Bauablauf gestört – und jetzt?“, erörterte Rechtsanwalt Dr. Burkhard Siebert eindrucksvoll die schwerwiegenden Folgen für einen Betrieb, der mit einem gestörten Bauablauf zu kämpfen hatte. Als Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Hessen-Thüringen e.V. in Kassel berät Dr. Siebert die Mitgliedsbetriebe von Holzbau Deutschland - Verband Hessischer Zimmermeister in Rechtsfragen. 

Ausblick
Der Tagungsband zum 74. Verbandstag, herausgegeben von der Geschäftsstelle Landesinnungsverband für das Zimmererhandwerk in Hessen, dokumentiert die Vielzahl der Aufgabenbereiche, die unter dem Dach des BUBIZA bewältigt werden müssen. Alexander Hohbein war in diesem Jahr das letzte Mal als Geschäftsführer des Verbandes Hess. Zimmermeister für den Verbandstag und die Zeitschrift zuständig. Ende September verlässt er das Haus und bedankt sich für das Vertrauen und die gute Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren.

Lange Tradition
Am Ende übergab Obermeister Karsten Schmidt ein Dachmodell als “Staffelstab” an Obermeister Clemens Schneider, dessen Innung Vogelsbergkreis den 75. Verbandstag austragen wird.